Passen vs. Dribbling - Welchem Schwerpunkt sollte im Kinderfußball mehr Beachtung geschenkt werden ?

In diesem Beitrag geht um die unterschiedlichen Ausbildungsphilosophien im Kinderfußball. Die einen wollen bereits Kombinationsfußball sehen, die anderen setzen auf Individualität.

Im Kinderfußball gibt es große Unterschiede, was die Philosophien der Trainer betrifft. Die einen drillen ihre Spieler schon mit einstudiertem Passspiel, die anderen setzen auf Individualität und Dribbling. Doch was ist besser ? Gibt es überhaupt ein besser oder schlechter ? Oder ist es vielleicht eine Mischung aus beidem ? 


Schwerpunkt Passspiel 

Ich wage zu sagen, dass der Großteil der deutschen Trainer im Kinderfußball mehr Wert auf Passspiel legt und auch die meisten Eltern, genau das sehen wollen. Warum ? Weil es der Fußball aus dem TV ist und genau das sollen die Kinder doch lernen oder ? Je näher das Passspiel dem der Großen kommt, desto besser ist es. Gerade Eltern bewerten ein Team im unteren Bereich anhand ihres Passspiels und natürlich am Ergebnis.  Genau das wird auch verbal im Wettkampf gefordert.


"Spiel ab ! - Bist du blind, der Kevin steht doch neben dir frei . - Maaaan der macht alles alleine. - Eyyyy das ist ein Mannschaftssport!!!"

All das sind Aussagen, welche nicht selten bei Kinderfußball Spielen zu hören sind. Viele Trainer teilen diese Meinung der Eltern und setzen ihren Schwerpunkt daher aufs Passspiel. Denn damit kommt man auch schneller zum Erfolg (Ergebnis). Ein Team, was ein gutes Zusammenspiel beherrscht, kann den Gegner laufen lassen und wird vielleicht auch eine Vielzahl von Spielen gewinnen. Genau darum geht es den meisten Trainern und Eltern: Gewinnen.


Dementsprechend ist auch das Training ausgerichtet. Isolierte Passspiel Übungsformen in zahlreichen Varianten. Passen - Klatschen lassen - Passen - Aufdrehen - Passsen und so weiter...

Häufig werden solche Übungsformen in den sozialen Netzwerken mit stolz geteilt und auch noch bejubelt. "Guckt mal, meine Spieler sind erst in der E-Jugend, was die schon für ein Passspiel haben." Wenn ich sowas lese, ziehe ich mir Fausthandschuhe an, damit ich nicht darauf antworten kann. Ganz ehrlich, eine isolierte Passspiel Übung bekommen auch Bambini hin, wenn man dies eine Woche lang trainiert. Das ist nichts, womit man sich rühmen kann. 


Und gerade weil in Deutschland schon von vielen Trainern im Grundlagenbereich so viel wert auf Passspiel gelegt wird, kommen so wenig Spieler oben an, denn die individuelle Klasse fehlt. 5-10 m Pässe kann auch ein durchschnittlicher Fußballer spielen. Das reicht jedoch nicht. 


Klar sieht es schön aus, wenn die Jungs schon ganz früh super gut zusammenspielen können und es dem Erwachsenenfußball nah kommt, aber ist dies förderlich für die individuelle Entwicklung ? Natürlich ist Fußball ein Mannschaftssport, natürlich wollen die Kinder auch gewinnen und natürlich sollen sie auch abspielen. Das werden sie auch. Ganz automatisch. Die Frage ist nur wie trainiere ich Passspiel, wie häufig und fordere ich es permanent ein ? Wenn man Passspiel trainiert, dann bitte nicht isoliert, sondern beispielsweise mit Passtoren, in Wettkampfformen oder am besten als Spielform.


Beim Funino beispielsweise, wird auf 4 Tore gespielt, das heißt der Blick geht automatisch zum Mitspieler oder zum anderen Tor. Auch Spielformen in Überzahl fördern das Zusammenspiel. Ganz automatisch. Die Kinder sehen, dass es in manchen Situationen besser ist abzuspielen, um zum Torerfolg zu kommen. 


Schwerpunkt Dribbling

Dribbelstarke Spieler, welche gerne mal ins 1 gegen 1 gehen, werden schnell als Egoisten betitelt und von außen dazu aufgefordert  den Ball abzuspielen. Doch eigentlich sind es genau die Spieler, die wir brauchen. Anscheinend ist vielen Trainern jedoch das Risiko zu hoch, aufgrund von scheinbar unnötigen Dribblings und daraus resultierenden Ballverlusten ein Gegentor zu kassieren.


Wenn man derzeit kreative Spieler sehen möchte, welche ihre Gegner mal im 1 gegen 1 vernaschen, muss man nach Frankreich, England oder Spanien schauen.  Hierzulande ist diese Spezies sehr rar geworden. Ein Leroy Sane ist beispielsweise einer dieser selten gewordenen Kicker. Einer der sowohl auf engem Raum, als auch im raumüberbrückenden Dribbling immer wieder Lösungen findet und für Überraschungsmomente sorgt.


Genau aus diesem Grund sollte gerade im Kinderfußball, wo es ergebnistechnisch noch um nichts geht, mehr Wert auf Dribbling gelegt werden. Wenn nicht hier, wann dann ? Denn je älter die Spieler werden, desto komplexer wird das Spiel und umso wichtiger wird dann letztendlich auch Taktik, Passspiel und das Ergebnis. Das heißt, wenn die Kinder bereits von Anfang an nicht dribbeln dürfen, dann werden sie es nie richtig können und am Ende bekommen wir zwar taktisch gut ausgebildete Spieler, die jedoch technische Defizite im Dribbling und 1 gegen 1 haben.


Das hat zur Folge, das immer weniger Nachwuchsspieler den Sprung in den Profifußball schaffen. Weil sie nicht ganzheitlich ausgebildet wurden. Daher werden häufig bereits im jungen Alter einfach talentierte Spieler aus dem Ausland geholt, weil es für den deutschen Nachwuchsfußballer kaum noch reicht. Weil an der Basis Fehler in der Ausbildung gemacht werden. Diese Fehlentwicklung ist spätestens nach dem vorzeiteigen WM Aus der Nationalmannschaft auch Thema beim Deutschen Fußball Bund.


Denn aktuell werden die Kinder dort, wo sie eigentlich das Dribbling, die Kreativität und das offensive 1 gegen 1 lernen sollten, gebremst. Es liegt einfach in der Natur der Kids, dass sie ihren Ball nicht abgeben wollen. Sie wollen dribbeln und ganz viele Tore schießen. Der Teamgedanke steht noch hinter dem eigenen individuellen Erfolg. Genau diese Merkmale müssen gefördert und nicht einfach ignoriert werden. 

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Eine großer Schritt in die richtige Richtung war die Einführung der Fairplayliga, um den Kindern den Ergebnisdruck zu nehmen. Leider ist dies noch nicht in allen Köpfen der Trainer und Eltern angekommen, für die das Ergebnis immer noch an oberster Stelle steht. Doch das liegt weniger an der Fairplayliga, sondern an dem fehlenden Wissen der Trainer, worum es im Kinderfußball wirklich geht.


Und noch eine Frage : Was haben Cristiano Ronaldo, Neymar, Lionel Messi, Kylian Mbappe, Maradona und Zinedine Zidane gemeinsam ? Richtig, sie waren bzw. sind taktisch super ausgebildet und können klasse 5-10 m Pässe spielen.


Spaß beiseite, es waren bzw. sind alles unglaublich starke und kreative Einzelspieler, welche Sachen mit dem Ball können, womit niemand rechnet. Genau solche Kicker fehlen in Deutschland. Doch diese Spieler bekommen wir nur, wenn wir es unseren Jüngsten erlauben zu dribbeln, auch wenn sie mal den Ball verlieren und man dadurch ein Gegentor fängt und man am Ende vielleicht nicht Kreismeister der E-Jugend wird. Denkt bitte daran, gute Jugendtrainer werden nicht am Ergebnis, sondern an der Ausbildung ihrer Spieler gemessen.


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass beide Schwerpunkte natürlich wichtig sind und in die Grundlagenausbildung gehören. Jedoch sollte im Grundlagenbereich dem Dribbling und offensivem 1 gegen 1 mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden, als dem stupiden Passspiel. Dies sollte sich wiederum in der Trainingsarbeit bemerkbar machen. Viele verschiedene Spielformen mit dem Schwerpunkt Dribbling, Ballkontrolle und 1 gegen 1, sollten das Bild eines Kinderfußball Trainings prägen.


Denn ein Spieler, der technische Defizite im Dribbling, 1 gegen 1 und der Ballkontrolle hat, kann diese später nicht mehr aufholen. Ein Spieler der technisch gut ausgebildet ist, kann hingegen Defizite im Passspiel aufholen. 


Zum Abschluss findet ihr noch ein paar Zitate von deutschen Trainern zum Thema Dribbling vs. Passspiel in der Grundlagen ausbildung:


Frank Wormuth sagt :

"Bis zur D- oder C-Jugend sollten die Kinder spielen, spielen, spielen. Der Trainer ist hier wirklich nur ein Wegbegleiter und Übungsleiter, kein Lehrer. Er schafft den Rahmen. Ab der C-Jugend sollte man ein Coach für seine Spieler sein. Nicht unbedingt immer alles vorgeben, sondern so viel wie möglich fragen und die Talente selbst entdecken lassen."


Mehmet Scholl sagt:

"Wir verlieren die Basis. Die Kinder müssen abspielen, sie dürfen sich nicht mehr im Dribbeln ausprobieren."


Norbert Elgert sagt:

"Wir müssen mehr Wert darauf legen, den Ball zu beherrschen. Wenn ich mit dem Ball kämpfen muss, kann ich nicht mit dem Gegner kämpfen. Wir müssen Dribblings zulassen, brauchen Spieler, die ins Eins-gegen-Eins gehen, um Überzahl zu schaffen. Wenn sich mal einer verdribbelt, dann wird von Eltern und Trainern gleich reingeschrien: Spiel ab, Du Fummelkopp!"


Meikel Schönweitz sagt: "Bei uns fangen wir in der F-Jugend mit einem Sieben-gegen-Sieben an - 14 Leute rennen dem Ball hinterher, und einer hat ihn. In England und Belgien ist in diesem Alter Zwei-gegen-Zwei oder Drei-gegen-Drei angesagt - was heißt, dass ich als Einzelner viel mehr Ballkontakte habe."
















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