Der Relative Age Effect (RAE) und seine Auswirkungen

Haben im letzten Drittel des Jahres geborene Kinder einen Nachteil ? In diesem Artikel geht es darum, wie sich das Geburtsdatum der Kinder schon relativ früh auf die fußballerische Zukunft auswirkt.

Viele Kinder und Jugendliche träumen vom Profifussball. Doch für die meisten schwinden bereits die Chancen aufgrund ihres  Geburtsdatums. Denn wer spät im Jahr geboren ist, hat bei vielen Leistungsmannschaften weniger Chancen als solche, die bereits zu Beginn eines Jahres geboren wurden. Dieses Phänomen nennt man relativer Alterseffekt (RAE). 


Wer beispielsweise im Dezember geboren wird, hat fast ein Jahr entwicklungsrückstand, gegenüber Kindern, welche bereits im Januar geboren wurden. Trotzdem spielen beide im gleichen Jahrgang und werden auch anhand dieses Jahrgangs verglichen. Körperlich sind Kinder und Jugendliche, die Anfang des Jahres geboren sind natürlich weiter und werden in derselben Altersklasse als grösseres Talent wahrgenommen. Größere Talente werden besser gefördert und machen dementsprechend auch größere Entwicklungsschritte. Körperlich schwächere Spieler fallen zum Teil hinten runter, obwohl sie oftmals die besseren fußballerischen Fähigkeiten mit sich bringen. 


Dieses Thema ist in allen europäischen Verbänden bekannt. Dennoch gibt es in allen U-Nationalmannschaften und auch Nachwuchsleistungszentren deutlich mehr Spieler, die im ersten Drittel des Jahres ihren Geburtstag feiern. 


Was ist ein relativer Alterseffekt (RAE) ?

Im Jugendfußball werden Kinder nach Stichtagen eingeteilt. Der DFB hat den 1. Januar als Stichtag festgelegt. So sind die Altersklassen gleichmäßig gruppiert. Ziel ist es so ausgeglichene Wettkampfbedingungen zu schaffen. Soweit so gut. Jedoch zeigen zahlreiche Studien, dass die gewünschte Chancengleichheit in den Leistungsmannschaften, wie beispielsweise in den Junioren-Nationalmannschaften nicht da ist, da diese mehr Spieler aufweisen, deren Geburtstag zu Beginn des Jahres ist. Das nennt man relativer Alterseffekt. 


"Ein relativer Alterseffekt liegt dann vor, wenn es infolge eines Stichtags zu einer Überrepräsentation von Sportlern kommt, die nahe dem Stichtag geboren sind und sich diese Ungleichverteilung von der Geburtenverteilung der Normalbevölkerung unterscheidet", sagt Sportwissenschafter Christoph Gonaus vom IFFB (Interfakultärer Fachbereich) für Sport- und Bewegungswissenschaft der Universität Salzburg.


Die monatliche Geburtenverteilung in Deutschland ist ausgeglichen und somit müsste eigentlich auch die Verteilung in den Nachwuchsleistungszentren bzw. Nationalmannschaften gleichmäßig aussehen. Tut es aber nicht. Früh im Jahr geborene Spieler, also relativ Ältere, sind deutlich öfter in den Leistungsmannschaften zu finden.


Chronologisches und biologisches Alter

Neben dem chronologischen Alter ist auch das biologische Alter von entscheidener Bedeutung. Dieses gibt an, wie weit der Körper und Geist eines Kindes im Vergleich zu seinen Altersgenossen entwickelt ist. Hier unterscheidet man zwischen Früh- (Akzelerierten) und Spätentwicklern (Retardierten). Die größten körperlichen Entwicklungsunterschiede sieht man zwischen U13 - U15. Dort stehen sich nicht selten ein 1,50 m und teilweise 1,80 m großer Spieler gegenüber. Dies ist grundsätzlich völlig normal, jedoch für den Spätentwickler ein großer Nachteil. 


Frühgeborene oder Frühentwickelte sind schneller und körperlich überlegen. Wie oben bereits erwähnt, werden solche Spieler eher als Talent wahrgenommen. Die Folge: Nachwuchsleistungszentren oder auch die U-Nationalmannschaften werden eher auf diese Kinder aufmerksam. Mindestens gleich talentierte, jedoch körperlich nicht so weit entwickelte Kinder fallen hinten runter.


Wenn man also spät geboren wurde und dann auch noch zu den Spätentwicklern gehört, sinken die Chancen deutlich im Profigeschäft anzukommen.


Technisch stark oder körperlich fortgeschritten ?

Technisch gut ausgebildet, früh geboren und früh entwickelt nennt sich das Optimum im Jugendfußball. Auf 2 dieser 3 Eigenschaften hat ein Spieler jedoch überhaupt gar keinen Einfluss.


Der FC Barcelona beispielsweise, mit seiner Talentschmiede "La Masia", ist bekannt für die Ausbildung kleiner, wendiger und technisch starker Spieler ala Lionel Messi.


Johan Cruyffs Sohn Jordi fasste die Philosophie des FC Barcelona wie folgt zusammen: „Der Grundgedanke bei der Spielerausbildung in Barcelona ist anders als fast überall sonst. In Barcelona spielt es keine Rolle, wie schnell, wie groß, wie stark ein Junge ist. Es zählt nur eins: Wie gut ist er mit dem Ball?“ 


Derartig talentierte Spieler können in der Jugend jedoch ihre Fähigkeiten aufgrund ihrer physischen Defizite selten ausspielen. Hier dominieren die körperlich Stärkeren. Daher werden viele Spieler bereits früh aufgrund ihres körperlichen Nachteils und trotz großer fußballerischer Fähigkeiten aussortiert. Ein Beispiel ist Marco Reus, welcher aufgrund seines körperlichen Entwicklungsrückstandes in der U17 beim BVB aussortiert wurde und zu LR Ahlen wechselte und nun zu den besten deutschen Fußballern gehört. Er hat den Sprung trotzdem ins Profigeschäft geschafft. Doch wie viele Spieler werden genau aus dem selben Grund aussortiert und schaffen es nicht, trotz bester technischer Voraussetzungen. Man mag gar nicht darüber nachdenken.


Genau deshalb sollte man immer das Potenzial der Spieler sowie die fußballerischen Fähigkeiten bewerten und nicht den aktuellen körperlichen Entwicklungsstand. Dies ist jedoch aufgrund von Ergebnisdruck sehr schwer. Trainer werden leider an Ergebnissen gemessen. Genauso messen sich die Vereine untereinander an den Resultaten. Spätentwickler können sich trotz starker fußballerischer Fähigkeiten gegen körperlich stärkere Spieler kaum durchsetzen und können somit häufig nicht zu einem positiven Ergebnis beitragen. Daher spielen sie seltener und werden im schlimmsten Fall aussortiert. Denn es zählen Ergebnisse und leider nicht die Ausbildung/Entwicklung.  Man muss immer wieder bedenken, dass der körperliche Vorteil nur temporär ist und spätestens bei den Erwachsenen kaum noch eine Rolle spielt. Also sollte man den spät entwickelten und trotzdem durchaus talentierten Spielern die Chance geben, solange wie möglich dabei zu bleiben und sich nicht vom Ergebnisdruck leiten zu lassen. Das heißt nachhaltig denken und nicht nur an den kurzfristigen Erfolg.  


Größe und Muskelmasse kann man aufholen, Technik nicht.

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